„Boom and Bust“ und der Untergang der Antiföderalisten

Die Regulierung des US-amerikanischen Finanzsektors Teil 3.1
Boom Bust and the Decline of the Anti-Federalists_HEADER
BELLIN Marketing author pictureAutor: BELLIN Marketing

Als ich vor einigen Wochen mit unserer Blog-Serie zur Regulierung des US-amerikanischen Finanzsektors loslegte, war mein Ziel die Erstellung eines Art Nachschlagewerks. Während der Vorbereitung auf diesen Artikel und der noch tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema fiel mir auf, dass unser letzter Beitrag noch einige Fragen offen ließ. Die mächtige Ideologie der Antiföderalisten prägte die USA, und ihr Einfluss ist bis heute spürbar in der ablehnenden Haltung vieler Amerikaner gegenüber nationalen Regulierungen. Allerdings war der Einfluss in der Zeit vor den 1930er Jahren noch ungleich höher. Daher möchte ich in diesem Artikel den letzten Beitrag noch einmal aufgreifen und erörtern, inwiefern die Regulierungsbehörden eine Antwort auf die Instabilität darstellten, die die Ideologie der Antiföderalisten mit sich brachte.

In unserem letzten Blog-Artikel ging es um Schecks und das Regulierungsumfeld, aus dem sie hervorgingen. Wir beschäftigten uns mit den Antiföderalisten um Thomas Jefferson und deren offenkundigem Misstrauen gegenüber dem Bankenwesen oder vielmehr Zentralisierung des Bankensystems bzw. Zentralisierung im Allgemeinen. An dieser Stelle soll es nun um die Zeit von 1863 bis 1942 gehen, ein ungewöhnliches Kapitel in der amerikanischen Geschichte, in der der Einfluss der Antiföderalisten und ihrer Weltanschauung auf die amerikanische Wirtschaft und Politik langsam nachließ. Der erste Schritt in dieser Entwicklung war der National Bank Act.

Der National Bank Act

Der National Bank Act stellte eine markante Veränderung im amerikanischen Regulierungsumfeld dar. Die Free-Banking-Ära war geprägt gewesen vom „Old West“-Stil, d.h. es gab so gut wie keinen Einschränkungen. Nun wurde jedoch der Ruf nach mehr Regulierung und Kontrolle im Bankenwesen laut, und zwar so stark, dass es zu einer grundlegenden Veränderung in der Herangehensweise an Regularien kam. Das Ergebnis war eine von Stabilität und Sicherheit geprägt Phase, wie die USA sie seit der Zeit der First bzw. Second Bank nicht mehr erlebt hatte.

Die zunehmende Industrialisierung führte im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer verstärkten Nachfrage nach Kapital sowie einem „Banken-Boom“. Unter den neu gegründeten Banken befanden sich auch die Industriebanken, die den Ausbau des Schienennetzes, den florierenden Bergbausektor und die Industrialisierung finanzierten.

In den darauf folgenden Jahren herrschte im amerikanischen Finanzwesen ein großes Durcheinander. So gab es beispielsweise in den Jahren 1873 und 1893 mehrfach Finanzpaniken, die mit dazu beitrugen, dass noch sehr viel stärker nach mehr Regulierung im Finanzwesen verlangt wurde.

Panik an der Wall Street

Im Jahr 1907 kam es dann zum großen Knall, und mit der sog. „Panik von 1907“ oder „Wall Street Panik“ veränderte sich der US-amerikanische Finanzsektor unwiederbringlich. Ausgelöst wurde die Panik durch den gescheiterten Versuch, die Aktien der United Copper Company zu cornern. Die Banken, die diesen Versuch finanziert hatten, erlitten erhebliche Verluste. Das Vertrauen der Sparer war nachhaltig erschüttert, und Einlagen wurden massenweise abgezogen. Das weitete sich schnell auf nahestehende Banken und Finanzinstitute aus und führte schließlich zum Zusammenbruch der Knickerbocker Trust Company, einer der größten Treuhandgesellschaften New Yorks.

Es war vermutlich das Eingreifen von JP Morgan, das noch Schlimmeres verhinderte. Er konnte andere New Yorker Bankiers davon überzeugen, dem System Liquidität zuzuführen, um Einlagen zu sichern. Darüber hinaus brachte er größere Summen seines eigenen Vermögens ein, um die kleineren Banken über Wasser zu halten. Die Situation war gerettet, aber wie würde es beim nächsten Mal ausgehen? Was, wenn es beim nächsten Mal keinen JP Morgan geben würde? Was das System brauchte, war eine Stelle, die in letzter Instanz als Kreditgeber eingreifen würde.

The Federal Reserve – die zentrale Notenbank der USA

Ein Jahr später richtete der amerikanische Kongress eine Kommission ein, um die Ursachen für die Krise zu untersuchen und mögliche Lösungen aufzuzeigen. Vorsitzender war Senator Nelson Aldrich. Es folgte ein Ereignis, das zu einer der bekanntesten Verschwörungstheorien in der amerikanischen Geschichte führte: Nelson Aldrich, Frank Canderlip (National City – jetzt Citibank), Henry Davison (Morgan Bank) und Paul Warburg (Kuhn, Loeb Investments) trafen sich auf der berüchtigten Jekyll Island, um Pläne für eine Bankenreform und die Einführung von Zentralbanken auszuarbeiten.

Tatsächlich war es so, dass das Treffen im Geheimen stattfinden musste. Nach den Börsencrashes Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Amerikaner der Wall Street gegenüber sehr negativ eingestellt, und jegliche Aktivitäten in diesem Zusammenhang wurden mit Furcht aufgenommen. Es hätte verheerende Folgen gehabt, wenn die Öffentlichkeit gewusst hätte, dass die Wall Street von der Kommission konsultiert wurde.

Das Ergebnis der Gespräche war der sog. Aldrich-Plan: ein System mit 15 regionalen Zentralbanken, zusammengefasst unter dem Namen National Reserve Association. Es war vorgesehen, dass diese Regionalbanken einzeln und auf nationaler Ebene von Bankiers kontrolliert würden – ein Plan, der bei der US-Regierung gar nicht gut ankam.

Woodrow Wilson warnte bereits in seiner Antrittsrede vor den „Treuhändern“ und einer „Konzentration der Kreditkontrolle“. Die Regierung akzeptierte es nicht, dass Bankiers US-Institutionen vorstehen würden. Der Aldrich-Plan war gescheitert.

Dennoch flossen einige der Gedanken daraus in den sog. „Owen-Glass Act“ ein, der unter dem Namen „Federal Reserve Act“ bekannt wurde. Hierdurch wurden acht bis zwölf autonome, von den Bundesstaaten kontrollierte Notenbanken begründet, die auf nationaler Ebene vom Federal Reserve Board koordiniert werden.  Alle nationalen Banken waren verpflichtet, sich diesem System anzuschließen. Es entstanden auch Federal Reserve Banknoten, die das amerikanische Währungsgefüge stärkten. Der Federal Reserve Act trat am 23. Dezember 1913 in Kraft: Die „Fed“ war geboren.

Die Weltwirtschaftskrise und das Ende der Angst vor einer Zentralisierung

Es folgte die Weltwirtschaftskrise und im Zuge dessen die schlimmste Bankenkrise des 20. Jahrhunderts. Mit der Krise einher ging ein Zusammenbruch des Finanzsystems, und spätestens 1933 war auch das letzte bisschen Vertrauen der Amerikaner in ihre Banken aufgebraucht. 28 Bundesstaaten schlossen ALLE ihre Finanzinstitute und riefen einen „nationalen Bankenurlaub“ aus, im Rahmen dessen sämtliche Finanzinstitute sieben Werktage lang geschlossen blieben.

Der Zusammenbruch hatte schlimme Folgen. In der Hochphase betrug die Arbeitslosenquote 25%, die Börse hatte Einbrüche um 75% zu verzeichnen, und die Stimmung in der Bevölkerung hatte sich gewendet. Es kam regelmäßig zu Anstürmen auf Banken, und es herrschte eine allgemeine Anti-Bankenstimmung.

Am 22. Januar 1932 rief der Kongress die Reconstruction Finance Corporation ins Leben, eine unabhängige Regierungsbehörde zur finanziellen Unterstützung von Finanzinstitutionen, darunter auch Banken, die den Bundesstaaten unterstellt waren und keine Verbindung zur Fed hatten.

Einen Monat später erweiterte der Banking Act von 1932 die Befugnisse der Fed um die Vergabe von Krediten.

1933 wurde der Demokrat Franklin D. Roosevelt ins Weiße Haus gewählt. Seine Regierung machte sich umgehend daran, das amerikanische Finanzsystem zu reformieren und die Folgen der Weltwirtschaftskrise einzudämmen. In den folgenden 8 Jahren wandelte sich das regulatorische Umfeld in den USA unter der Führung des Kongresses von Grund auf. Zu den Änderungen zählten:

  • 1933 – Überarbeitung des Banking Act von 1932, heute bekannt unter dem Namen „Glass-Stegall“. Neben vielen anderen Punkten war darin auch eine klare Trennung zwischen Geschäfts- und Investitionsbanken festgeschrieben, und der Einlagensicherungsfonds Federal Deposit Insurance Corporation wurde begründet.
  • 1933 – Der „Emergency Banking Act“ erlaubt finanziell gesicherten Banken die Wiedereröffnung unter der Aufsicht des Treasury, des Finanzministeriums. Es wird eine Kreditstruktur eingeführt, falls Kredite nötig sein würden. Innerhalb von drei Tagen werden drei Viertel der Notenbanken wieder geöffnet, was Ängste in der Bevölkerung abzubauen vermag und in großen Mengen Gold und Einlagen ins System pumpt.
  • 1934 – Mit dem „Securities Exchange Act“ wird die „Securities and Exchange Commission“ (SEC) begründet, und es werden weitere Auflagen für den Sekundärhandel mit Wertpapieren eingeführt.
  • 1934 – Der „Federal Credit Union Act“ begründet das „Bureau of Federal Credit Unions“, das später zur „National Credit Union Administration“ wird, einer unabhängigen Regierungsbehörde für die Regulierung von Kreditgenossenschaften.
  • 1934 – Der „National Housing Act“ von 1934 wird verabschiedet und versichert Erspartes und Kredite.
  • 1936 – Der „Commodity Exchange Act“ begründet die „Commodity Futures Trading Commission“, eine unabhängige Behörde zur Regulierung der Future- und Optionsmärkte.
  • 1940 – Der  „Investment Company Act“ (auch „Company Act“ oder „‘40 Act“) wird verabschiedet und reguliert offene und geschlossene Investmentfonds.
  • 1940 – Der „Investment Advisor Act“ zur Überwachung und Regulierung der Tätigkeit von Anlageberatern unter der Aufsicht der „Securities and Exchange Commission“ (SEC) wird eingeführt.

Experten sind sich uneinig darüber, ob der New Deal ein Erfolg war. Was man aber nicht von der Hand weisen kann, ist die Tatsache, dass die in den 1930er Jahren eingeführten Regulierungen einer 90-jährigen Phase der extremen Verunsicherung ein Ende setzten. Es gab keine Anstürme auf die Banken mehr, und bis in die 1980er Jahre wurden die USA von schweren Wirtschaftskrisen verschont.

Die Angst vor den Mächtigen an der Wall Street hatte in den 30 Jahren zuvor ein politisches Klima geschaffen, in dem die ablehnende Haltung der Antiföderalisten gegenüber einer Zentralisierung keinen Platz mehr hatte. Die US-Regierung nahm zentrale Kontrolle jetzt nicht nur hin, diese wurde unter den Demokraten sogar aktiv angestrebt. Die auf Jeffersons Idealen beruhende Ideologie wich einer starken nationalen Regierung.

In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit der heutigen Situation und den verschiedenen Institutionen sowie damit, welche Rolle diese für Unternehmen spielen.

Lassen Sie uns reden!

Sie möchten mehr über unsere Lösungen erfahren? Das freut uns. Denn wir würden auch gerne mehr über Sie erfahren. Melden Sie sich einfach.

Mit dem Absenden des Kontaktformulars erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihre Daten zur Bearbeitung Ihres Anliegens verwendet werden. Weitere Informationen und Widerrufshinweise finden Sie in der Datenschutzerklärung.