Der Nutzen von Derivativen

Absicherung vs. Spekulation

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Rüdiger Schlecht author pictureAutor: Rüdiger Schlecht

Wie so oft in der hochkomplexen Finanzwelt war der ursprüngliche Grundgedanke eigentlich ein ganz einfacher: Derivate wurden erdacht, um das Risiko aus Finanzpositionen zu neutralisieren, die im Tagesgeschäft auftreten. Dabei galt und gilt dies nicht nur für Banken, sondern für alle Finanzintermediäre und Unternehmen. Die schiere Größe und der Organisationsaufbau sowie die immer noch zunehmende Internationalisierung vieler Unternehmen bringen immer komplexere finanzielle Transaktionen bzw. Risiken mit sich, auf die u.a. mit dem Abschluss von Derivaten reagiert wird. Mittlerweile haben sich dabei zu Veränderungen in der Zinslandschaft und Währungsrisiken auch Risiken aus Rohstoffgeschäften hinzugesellt.

Am Anfang stand also die Eliminierung von Risiken im Vordergrund, d.h. die Sicherung finanzieller Grundpositionen, die durch das im Unternehmen erforderliche Geschäft entstehen. Spätestens seit der letzten Finanzkrise wissen wir jedoch alle, dass Derivate von verschiedenen Spielern am Finanzmarkt nicht nur zur Sicherung eingesetzt werden. Initiativen wie EMIR oder FinfraG versuchen, über die Sammlung von Daten zu abgeschlossenen Derivaten Rückschlüsse auf Gebrauch und Missbrauch zu ermöglichen. Denn häufig stehen nicht die Reduzierung von Risiken, sondern ganz profane Ziele der Gewinnmaximierung im Vordergrund. Bei einem isolierten Einsatz von Derivaten kann jeder Akteur aufgrund des Leverage-Effekts mit relativ geringen finanziellen Mitteln ein beachtlich hohes Ergebnis erzielen. Das macht Derivate zu begehrten Spekulationsobjekten, was wiederum vor allem bei großen Schieflagen für entsprechende mediale Aufmerksamkeit sorgt und damit zu einer unfairen Einschätzung des Nutzens von Derivaten führt.

Risikoabsicherung vs. Spekulation: Wo also stehen wir als Treasurer beim Einsatz von Derivaten? Grundsätzlich begegnen uns auch im Treasury die zwei genannten Profile. Auf der einen Seite stehen die „Spekulanten“: Hier haben wir es mit Treasury-Abteilungen zu tun, die darauf abzielen, die Gewinne im Konzern durch den geschickten Einsatz von derivativen Instrumenten zu maximieren, sich am Markt hervorzutun und systematisch Gewinne zu erwirtschaften. Auf der anderen Seite steht die Fraktion derer, deren Unternehmensauftrag es ist, Sicherungsstrategien zu entwickeln, die Risiken soweit wie möglich zu reduzieren oder sogar auszuschließen. In diesen Fällen steht nicht das Geldverdienen mit Finanztransaktionen im Vordergrund, sondern die eigentliche Geschäftstätigkeit des Unternehmens mit dem Herstellen von Gütern oder dem Bereitstellen von Dienstleistungen.

In welchem Lager man sich als Treasurer auch positionieren mag, eine Sache ist unstrittig: Risiken entstehen im Grundgeschäft der Geschäftstätigkeit immer, und es gehört grundsätzlich zum Aufgabengebiet eines Treasurers, diesen zu begegnen und in der Regel in einem vorgegebenen Maße zu reduzieren. Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir gerne schlechte Erinnerungen verdrängen, und das kann bei Derivaten zu einer Verzerrung der Risikoprofile führen. Der Strafzettel, den wir für zu schnelles Fahren bekommen haben, hindert uns eben leider nicht daran, auch beim nächsten Mal bei der Geschwindigkeit großzügig zu sein. Ebenso ist die Verlockung, Gewinne zu erzielen, häufig deutlich reizvoller als die denkbaren Verluste, auch wenn einschlägige negative Erfahrungen uns vorsichtig machen sollten. Jeder Hütchenspieler, jedes Kasino, jedes Wettbüro lebt genau von diesem Verhalten. Würde jeder ausschließlich rational handeln, könnten solche Geschäftsmodelle keinen Ertrag erwirtschaften.

Und es liegt ebenfalls in der menschlichen Natur, dass wir uns erst fragen, was wir eigentlich erreichen wollten, wenn etwas schiefgegangen ist und Begründungen für bestimmte Strategien mit Derivaten gesucht werden. Das gilt für jeden Unfall, für jeden Verlust, für jeden Strafzettel, für jedes Geschäftsmodell, eben für alles im Leben, was nicht so funktioniert hat, wie wir es erhofft hatten. Viel zu häufig werden die Risiken vorher ausgeblendet und erst im Nachgang eine Erklärung gesucht. Was ist die ursprüngliche Aufgabe des Treasurers? Was ist der Grundgedanke von Derivaten? Und das ist eben die Sicherung von finanziellen Grundpositionen, die durch das im Unternehmen erforderliche Geschäft entstehen.

Würden sich alle Unternehmen auf diese Grundgedanken besinnen, wäre sofort viel potenzieller und bereits entstandener Schaden abgewendet. Spekulanten wird es immer geben und an diese richtet sich der Artikel nicht. Alle anderen aber sollten das Risikoprofil ihrer Positionen erst analysieren und anschließend ein passendes Instrument zur Neutralisierung suchen und erfolgreich einsetzen können. Dann wird die Bewertung der Instrumente, die Erklärung vor und nach dem Einsatz gegenüber Wirtschaftsprüfern und Vorständen bzw. die Abbildung im Geschäftskontext plötzlich ganz einfach. Würden sich mehr Unternehmen darauf konzentrieren, ihre Risikoposition mit geeigneten Instrumenten zu eliminieren und nicht extravagante und maßgeschneiderte Konstruktionen einsetzen, wäre viel an Sicherheit und Verlässlichkeit gewonnen. Vielleicht gäbe es die Meldepflicht bei Derivaten für Unternehmen dann gar nicht, denn diese wurde ja letztlich eingeführt, um herauszufiltern, ob durch enorme Leerverkäufe, sprich Spekulation, Schieflagen an den Finanzmärkten und damit an den Marktpreisen für Finanzprodukte und Rohstoffe entstehen.

Alle Treasurer, denen diese Strategiewahl zu langweilig klingt, sollten sich vielleicht einmal überlegen, wer die Risiken am Ende wirklich trägt. Vielleicht hilft ja ein Gang ins Kasino, den Spieltrieb auszuleben und mit eigenem Geld zu finanzieren: Da kann nach Herzen spekuliert werden, ohne Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in finanzielle Schieflage zu bringen.

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