Harmonisierung des Schweizer Zahlungsverkehrs

Startklar für die Migration
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Karsten Kiefer author pictureAutor: Karsten Kiefer

Die Schweiz befindet sich in vielerlei Hinsicht in einer einzigartigen Lage und nutzt diese möglichst klug.

So auch was die Schweiz als Finanzplatz angeht. Hier wartete die SIX, eine Organisation der 140 Schweizer Banken verschiedenster Ausrichtung und Größe angehören, zunächst die Einführung von SEPA bei den Ländern im Europäischen Wirtschaftsraum ab, bevor sie selbst die Standardisierung und Harmonisierung des Zahlungsverkehrs angegangen ist und 2016 die rasche Umstellung angekündigt hat. Bis 2020 sollen demnach die bestehenden Zahlungsverkehrsprozesse – mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Formaten, Verfahren und Belegarten – modernisiert, vereinfacht und wirtschaftlicher gestaltet werden.

Seither steht der Fahrplan fest, der Unternehmen, Banken und Software-Anbieter angeht. Doch was ist seit der Ankündigung geschehen? Wie weit ist der Harmonisierungsprozess fortgeschritten? Und welche unerwarteten Herausforderungen begegnen hier die Akteure? Treasury Matters hat hierzu Karsten Kiefer, Product Manager und Payments Spezialist bei BELLIN nachgefragt.

 

TM: Wie sieht der Fahrplan bei der Migration des Zahlungsverkehrs aus?

Karsten Kiefer: Die Migration soll in mehreren Schritten vollzogen werden: Als erstes trifft es die Überweisung, diese soll gemäß Roadmap bis Mitte 2018 auf das globale XML-Format ISO 20022 vereinheitlicht werden.

Wir stellen fest, dass viele Institute zeitgleich mit der Umstellung des Formates auch den Kommunikationsweg zwischen Kunden und Bank angehen. Obwohl die Zahlungsverkehrsmigration nicht direkt mit der ebenfalls sinnvollen Einführung von bankenübergreifenden Kommunikationsstandards gekoppelt ist, bemerken wir, dass viele Institute gleichzeitig zur ISO20022 Unterstützung auch den EBICS-Kanal als zukünftigen Kommunikations-Kanal einführen. Teilweise ist die Nutzung des EBICS-Kanals sogar die Voraussetzung zur Einreichung der neuen Überweisungsformate.

Obwohl bis 2020 einen einheitlichen Fahrplan gibt,  hat das Vorhaben bereits jetzt eine besondere Dynamik erhalten: Einer der großen vier Akteure in der Schweizer Bankenlandschaft, die Postfinance, hat angekündigt, zum Ende des Jahres 2017 EZAG-Meldungen einzustellen. Wer diese Bank in seinem Portfolio hat, muss das Projekt Migration jetzt in Angriff nehmen, denn die Bank droht damit, bereits per 31.12.2017 neben den Überweisungen, auch die Bereiche Lastschriften und Avisierung/Kontoauszug komplett umstellen zu wollen!

TM: BELLIN betreut zahlreiche Schweizer Unternehmen. Wie geht BELLIN dabei vor?

Karsten Kiefer: Wir haben unsere Kunden umfassend und früh darüber informiert, dass hier ein Projekt auf die Treasury-Abteilungen zukommt, das je nach Bank- und Geschäftsumfang des Unternehmens, nicht gerade nebenbei erledigt werden kann, sie also entsprechende Kapazitäten einplanen und vorhalten sowie auch das Bankenportfolio sichten sollten. Eine der Herausforderungen allerdings war und ist die im Vergleich zur SEPA-Einführung fehlende rechtliche Verbindlichkeit, den Migrationsprozess umsetzen zu müssen. Das hat unterschiedliche Geschwindigkeiten produziert, welche die Unternehmen weiterhin nötigt abzuwarten, bis die Umstellung auf Bankenseite vollzogen ist.

 

TM: Bei welchen Banken ist der Migrationsprozess bereits abgeschlossen?

Karsten Kiefer: Historisch herrscht ja in der Schweizer Bankenlandschaft extremer Individualismus vor. Dies beginnt bei den Zahlungsverkehrsformaten, bei denen es solche für die Postfinance gibt und solche, die für alle anderen Institute gelten. Auch bei der Art und Weise, wie ein Firmenkunde mit seiner Bank kommuniziert, hat quasi jede Bank – ob international operierende Großbank oder regionale Kantonalbank – ihre eigenen proprietären Kommunikationsstandards. Die gute Nachricht: Die vier großen Institute – Credit Suisse, Postfinance, UBS und Zürcher Kantonalbank – haben den Migrationsprozess bewältigt. Mit vielen  anderen Instituten stehen wir direkt oder über unsere Kunden in engem Kontakt und pflegen intern eine Liste, auf welchem Stand die vielen kleinen und regionalen Banken gerade stehen. Mit diesem Wissen können wir unsere Kunden optimal beraten, beispielsweise in welcher Reihenfolge die Institute im Portfolio am sinnvollsten angegangen werden sollten.

 

TM: Gibt es auch schon Unternehmen, die den Migrationsprozess komplett bewältigt haben?

Karsten Kiefer: Viele unserer Kunden stecken mitten im Projekt. Die Problematik liegt darin, dass die Umstellung wegen der verschiedenen Geschwindigkeiten aller Akteure nicht in einem Rutsch erfolgen kann. Das bedeutet, dass sich bei vielen Unternehmen zusätzlich bzw. hinter dem Projekt „Formatharmonisierung“  ein IT-Projekt entwickelt, weil das ERP-System für eine gewisse Übergangszeit beide Formate bedienen können muss. Das alles ist machbar – leichter erledigt aber dann, wenn die Unternehmen dieses zusätzliche Projekt abschätzen und einplanen können. Denn je nachdem, wie viele Bankpartner ein Unternehmen berücksichtigen will, entwickelt sich der Sprint zu einem Marathon. Und bitte nicht vergessen: Die Harmonisierung der Überweisungen ist nur der erste Schritt. Darauf folgen die Kontoauszüge, die Lastschriften, die Einzahlungsscheine und die allgemeine IBAN-Einführung. Schweizer Unternehmen wird es also in den kommenden Jahren ganz sicher nicht langweilig werden, genau wie uns als Softwarehersteller.

TM: Wie bereiten Sie die Unternehmen auf den Langstreckenlauf vor?

KK: BELLIN steht in engem Kontakt zu den Kunden. Wir raten, das Projekt zügig anzugehen und entsprechend Kapazitäten zu schaffen. Am Ende der Zeitachse werden die Ressourcen erfahrungsgemäß auf allen Seiten knapp und der Stresspegel steigt. Je nachdem, ob auch das Kommunikationsverfahren auf EBICS vereinheitlicht werden kann und soll, bieten wir an, auch hier den Switch auf den Industriestandard zu vollziehen oder die in Betrieb befindliche, proprietäre Kommunikationsverfahren bzw. Verträge weiterhin zu verwenden. Durch unsere Erfahrung können wir den Aufwand bei jedem einzelnen Kunden sehr gut abschätzen, das Projekt gemeinsam planen und im passenden Zeitrahmen gemeinsam umsetzen. So können die Unternehmen ihre Ressourcen optimal einsetzen und schließlich auch dem Migrationsprozess gelassen entgegensehen.

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