Heiter bis wolkig?

Treasury-Technologie jenseits der Cloud
looking_behind_cloud
BELLIN Marketing author pictureAutor: BELLIN Marketing

Vor einiger Zeit habe ich einen ziemlich erfolgreichen Artikel mit dem Titel „Jenseits der Cloud“ (Looking behind the cloud) geschrieben, bei dem es um die technischen Aspekte des Treasury ging. Darin wurden einige der weniger bekannten Technologien behandelt, mit denen Treasurer (oft unbewusst) in Berührung kommen, wenn sie ein Treasury-System verwenden, bzw. warum diese Teilbereiche beim Aussuchen eines Standard-Treasury-Systems häufig nicht berücksichtigt werden. Heute möchte ich eine Artikelserie beginnen, bei der es auf Grundlage der gleichen Überlegungen um Treasury-Technologien gehen soll.

Treasury ist etwas Neues. Der Begriff tauchte zum ersten Mal 1975 auf, zeitgleich mit der Entwicklung der ersten Computer. Seither haben sich Treasury und Technik parallel weiterentwickelt. Die Treasurer der ersten Stunde verwendeten bei ihrer täglichen Arbeit die gleichen Tabellen, weswegen die Entwicklung von Excel auch die erste „Treasury-Anwendung“ darstellte: das Excel-Workbook. Und um ganz ehrlich zu sein, brachten die ersten technischen Weiterentwicklungen im Treasury zunächst kaum Verbesserungen.

  • Feste Bildschirmarbeitsplätze zählten zu den ersten Entwicklungen im Treasury: ein einziger Rechner mit einer benutzerdefinierten Anwendung. Diese waren jedoch oft so unflexibel, dass der Mehrwert gegenüber einfachen Tabellen kaum gegeben war.
  • Es folgten Netzwerkarbeitsplätze, die eine Nutzung durch mehrere User ermöglichten. Allerdings waren die Kosten pro Arbeitsplatz enorm hoch, und es dauerte Monate, wenn nicht Jahre, diese einzurichten. Dies war oft so teuer, dass von einer weit verbreiteten Nutzung nur zu träumen war. So kam vielfach nur die Unternehmenszentrale in den Genuss dieser Technologie.
  • Treasury-Management-Systeme und webbasierte Arbeitsplätze, aufzurufen über den Browser, waren daher eine logische Entwicklung. Sie brachten schnellere Rollouts, häufigere Updates sowie SLAs mit sich, die interne IT-Abteilungen so nie hinbekommen hätten. Dadurch sank der Unterstützungsbedarf durch die interne IT dramatisch. Was aber noch viel entscheidender ist: Der Gedanke war geboren, dass mehrere Menschen gleichzeitig weltweit dasselbe System nutzen können.

 

Treasury-Management-Systeme sind jedoch weitaus komplexer als die einfachen Anwendungen und Datenbanken der klassischen Bildschirmarbeitsplätze. Daher ist es selbst für technikversierte User schwierig, die Feinheiten ihrer Software sowie die damit verbundene Technologie zu verstehen. Wenn es um die Finanzdaten eines internationalen Unternehmens geht, müssen Sie mehr als nur die Software berücksichtigen: Ist die Cloud-Umgebung sicher? Wie werden Daten gespeichert? Welches Information Security Management System hat der Serviceanbieter? Wie funktioniert die Parallelnutzung von anderen Systemen? Und was bedeutet das alles für die Zukunft Ihres Unternehmens?

Cloud-Hosting: Gemietete vs. anbieterentwickelte technische Infrastruktur

SaaS-Anbieter gibt es mittlerweile zuhauf, aber nicht alle von ihnen verwalten ihr eigenes Netzwerk. Diese Differenzierung kann beim RfP leicht übersehen werden. Die Anwendungen besagter Anbieter laufen über eine virtuelle Netzwerkumgebung, aber die entsprechende technische Infrastruktur wird von einem Drittanbieter betrieben und verwaltet.

Daraus ergeben sich zwei Hauptprobleme:
  • Es ist nicht möglich, die Cloud-Umgebung so zu gestalten, dass sie genau auf die Anwendung zugeschnitten ist. Bei gemeinsam genutzten Services ist es kaum möglich, die Anwendung genau auf den Kundenbedarf zuzuschneiden. Bei einer anbieterentwickelten Lösung kann die Umgebung entsprechend angepasst werden, wenn z.B. mehr Rechnerleistung oder Speicherkapazität benötigt werden.
  • Weniger Datenredundanz
    Backups sind die Norm, aber ohne eine auf den Kundenbedarf zugeschnittene Umgebung ist es oft schwierig, noch einen Schritt weiterzugehen und die Datenreplikation in Echtzeit in einem örtlich getrennten Rechenzentrum sicherzustellen. Das ist aber ziemlich wichtig, wenn man eine Treasury-Plattform hat, die mit Banken verbunden ist und hunderte oder tausende an Zahlungen abwickelt.

 

Lassen Sie mich näher ausführen, was das konkret bedeutet: Jedes Datenpaket, das an ein Rechenzentrum geschickt wird, geht außerdem an ein unabhängiges Rechenzentrum an einem anderen Ort. Falls irgendetwas schiefläuft, sind die Daten also im zweiten Rechenzentrum noch vorhanden. Für den Treasurer ändert sich nichts. Wenn es z.B. brennt (oder etwas noch Schlimmeres passiert), verlieren Sie so nicht kilobyteweise Daten.

Was bei Cloud-Anbietern auch berücksichtigt werden sollte, ist die Frage, wo die Daten gehostet werden. Bei vielen Cloud-Systemen durchlaufen Daten mehrere Netzwerkanbieter, wodurch die Daten mehrere internationale Grenzen überschreiten. Das kann zu einem Gesetzesalbtraum führen und Unternehmensrichtlinien verletzen. Mit Gewissheit vermeiden können Sie das nur mit einer kundenspezifischen Netzwerkinfrastruktur.

SaaS: Single-tenant- vs. Multi-tenant-Architektur

Ein weiterer wichtiger Punkt sollte bei der Beurteilung eines SaaS-Anbieters unbedingt berücksichtigt werden. Es gibt zwei Hauptarten von SaaS-Architektur: single-tenant und multi-tenant, und der Streit darüber, welche Version besser ist, ist so alt wie die Technik selbst.

Single-tenant: Für jeden Kunden gibt es eine eigene Datenbank und eine separate Anwendung in der Cloud-Umgebung des Anbieters. Je nachdem wie Daten getrennt sind und gepflegt werden, ist mehr oder weniger Flexibilität bei der Entwicklung der Software für den spezifischen Kunden gegeben.

Multi-tenant: Bei einer Multi-tenant-Architektur nutzen alle Kunden die gleiche Software, und Hauptcode und Datenbanken werden gemeinsam genutzt. Das bringt weniger Flexibilität mit sich, was den einzelnen User angeht, aber auch weniger Verwaltungsaufwand und erhöhte Effizienz bei Betriebsabläufen. Bei einer sehr großen Anzahl an Nutzern ist dies sinnvoll. Eine Anwendung mit Millionen von Konten, z.B. Googles Gmail-Service, wäre mit einer Single-tenant-Architektur undenkbar.

Single-tenant-System Multi-tenant-System
Kundenspezifische Nutzungsdaten Weniger Verwaltungsaufwand und Kosten für den einzelnen Kunden
Einhaltung strengerer Sicherheits- und Gesetzesanforderungen möglich Skaleneffekte können dem Kunden zugutekommen
Größere Flexibilität bei der Anpassung an Kundenwünsche Updates und Patches zentral für alle Kunden
Updates und Patches können auf Wunsch mit dem Kunden terminiert werden Größere Schwierigkeiten bei strengen Audits aufgrund der gemeinsamen Datenspeicherung
Systemleistung wird nicht von anderen Kunden beeinträchtigt Höhere Effizienz bei Betriebsabläufen, dafür weniger Flexibilität auf Kundenseite
Möglichkeit, das System firmenintern zu betreiben, wenn IT- oder Gesetzesauflagen sich ändern  
Höhere Sicherheit/besserer Datenschutz  
Besseres Backupvermögen  

 

Wie wird die Verbindung mit dem TMS hergestellt?

Wir haben das Thema SaaS behandelt und uns angeschaut, was sich hinter der Cloud verbirgt. Ebenso wichtig ist aber die Frage, was Sie benötigen, um eine Verbindung zum TMS herzustellen. Brauchen Sie:

  • einen Thin Client?
  • eine proprietäre Software-Anwendung, die bei jedem einzelnen User separat installiert werden muss?
  • Terminal-Software?
  • ein Dienstprogramm, das über das Internet eine Verbindung mit einem anderen Gerät herstellt, auf dem sich Anwendung und Daten befinden?
  • einen bestimmten Browser?  Browser-Erweiterungen wie Java oder ActiveX?

Think Clients, Dienstprogramme oder Anwendungen, sind wahrscheinlich nur auf wenigen Plattformen verfügbar. Bei einem Web-Browser sieht das anders aus. Dennoch sollten Unternehmen auch hier beachten, ob Erweiterungen wie Java oder ActiveX benötigt werden, die nicht auf allen Mobilgeräten funktionieren und unter Umständen gegen IT-Sicherheitsrichtlinien verstoßen.

Wie wird die Verbindung zwischen TMS und anderen Systemen hergestellt?

Was nützt Ihnen das beste Treasury-Management-System der Welt, wenn Ihre ganze Zeit mit Datenerfassung draufgeht? Was Sie brauchen, ist ein in Ihr firmeninternes System integriertes System. Dafür müssen Sie festlegen, welche Systeme integriert werden sollen, bevor Sie sich für ein TMS entscheiden. Bedarf es einer ERP-Verbindung? Handelsplattformen? Banken? Man ist oft schnell dabei, alles zu bejahen, aber wie kompliziert wird die Erstellung dieser Verbindung wirklich?

Eine gerne genutzte Technologie ist Secure File Transfer Protocol (SFTP). Hierbei handelt es sich um eine Erweiterung des Secure Shell Protocol (SSH) zum Datentransfer, die von der Internet Engineering Task Force (IETF) entwickelt wurde, um systemübergreifenden, sicheren Datentransfer zu ermöglichen.

ERP-Systeme

  • Verwendung von SFTP meist möglich
  • Die meisten ERP-Systeme haben mit allen Funktionen ausgestattete Umwandlungswerkzeuge oder Plugins, um CSV-Dateien abzurufen und in das benötigte Format umzuwandeln

Handelsplattformen

  • Kein eindeutiger Standard bei verschiedenen Plattformen

Rohstoffplattformen

  • Zu den Formaten zählen CSV, proprietäre Formate, plattform-spezifische XML
  • Datentransfer u.a. mit SFTP, FTP, proprietärer Software oder manuellem Dateientransfer

Banken

  • SFTP und ISO-20022 XML werden gerade im Eiltempo zum De-facto-Standard
  • Bei mehreren Banken bietet sich vor allem SWIFT an

 

SWIFT teilt sich in zwei Netzwerke auf: SWIFT FIN und SWIFT FileACT. FIN verwendet als Nachrichtenformat MT, was strengere Formatanforderungen hat. Dadurch lassen sich zusätzliche Banken leichter integrieren. Allerdings gehen damit auch höhere Transaktionskosten einher. Mit SWIFT FileACT kann jegliches Nachrichtenformat verwendet werden. Damit ist aber ein erhöhter Aufwand für Banken, Softwareanbieter und Kunden verbunden. Das wiederum bedeutet höhere Ersteinrichtungskosten, aber niedrigere laufende Kosten.

Das Ganze muss in das TMS übertragen werden. Daher sollten Sie beachten, welche Optionen Ihr TMS unterstützt und wie das System Ihnen Daten liefert.

Ausblick in die Zukunft

Der sog. Netzwerkeffekt ist online ein häufiges Schlagwort. Damit wird ausgedrückt, dass der Nutzen eines Netzwerks steigt, je mehr „Knotenpunkte“ es gibt. In einem Netzwerk aus Menschen, z.B. einem Social Media-Netzwerk, bedeutet das übersetzt, dass der Nutzen des Netzwerkes steigt, je mehr User es hat. Wir glauben, dass dieser Punkt für die Zukunft des Treasury eine zentrale Rolle spielen wird.

Die immer größer werdende Bandbreite des Treasury bedeutet, dass interne Abteilungen am Hauptfirmensitz und bei den jeweiligen Tochterunternehmen immer enger zusammenarbeiten müssen. Je mehr Funktionalitäten Treasury-Management-Systeme bieten, desto größer die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit für alle User. Ist das Ziel, ein System zu haben, das so viele Informationen wie möglich bereitstellt, um die globale Situation möglichst lückenlos abzubilden, dann sollte es bei der Übertragung von Informationen ins System keine Hemmschwellen geben. Wenn das der Fall ist, ergeben sich nach und nach ganz neue Möglichkeiten.

Leider gab es schon immer eine Hemmschwelle: die Kosten. Für terminalbasierte Rechnerarbeitsplätze wird eine bestimmte Hardware benötigt, die es oft unverhältnismäßig teuer macht, mehr als eine Handvoll User zu haben.

Bei einem webbasierten System macht es hingegen kaum einen Unterschied, ob man 1 oder 1.000 User hat. Jeder User stellt nur einen Datensatz dar, oft sogar einen kleinen. Für den Anbieter ergeben sich nur die Hosting-Gesamtkosten sowie die Bandbreite, die für alle Verbindungen benötigt wird.

Lassen Sie uns ein erfundenes Beispiel betrachten: Ein Unternehmen mit 100 Usern, die je 100 unternehmensinterne Transaktionen abschließen, verbraucht wesentlich weniger Ressourcen als ein Unternehmen mit drei Usern, die jeweils Geldmarkt-Deals im Wert von 300.000 Euro abschließen.

Um diese Kostenverschiebung zu bewältigen, bieten Treasury-Anbieter eine Reihe an Lizenzmodellen, angefangen mit einer Nutzungspauschale pro User, über verschiedene Userarten und Transaktionsgebühren, bis hin zu einer Pauschalgebühr für das System ohne Nutzerbeschränkung.

Treasury wird einen weiteren Entwicklungssprung machen, wenn uns bewusst wird, welcher enorme Nutzen damit verbunden ist, Treasury als eine konzernweite Einrichtung zu verstehen und nicht als eine Abteilung im versteckten Kämmerlein. Dazu wird es aber erst kommen, wenn Anbieter realisieren, dass die Vorteile für den Kunden, die dadurch entstehen, dass mehr Personen das TMS nutzen können, die Kosten, die durch den Wegfall der Nutzerbeschränkung beim Anbieter entstehen, mehr als überwiegen.

Ein Treasury-Management-System auszusuchen, ist wahrlich kein Hexenwerk. Trotzdem benötigt man gewisse Kenntnisse darüber, welche Technologien es gibt, um zu verstehen, inwiefern Abläufe, Sicherheit und Compliance davon beeinflusst werden. Es gibt sehr viele Möglichkeiten von unterschiedlicher technischer Komplexität, die Ihr Treasury auf den richtigen Weg bringen können. Sie sollten sich immer vergegenwärtigen, dass nicht alle Cloud-Optionen gleich sind, dass SaaS ganz verschieden aussehen kann, dass externe Anbindungen berücksichtigt werden müssen, dass die Integration in Ihre Infrastruktur mit Ihrer unternehmensinternen Firewall kompatibel sein muss, und dass Sie vielleicht auch eine zukünftige Expansion im Auge behalten sollten. Wenn Sie den Schritt von der Excel-Tabelle zur Cloud wagen, kann die Wahl für eine bestimmte Technologie auch darüber entscheiden, ob Ihr Treasury dem Hauptgeschäftssitz vorbehalten bleibt oder in die Zukunft durchstartet.

Lassen Sie uns reden!

Sie möchten mehr über unsere Lösungen erfahren? Das freut uns. Denn wir würden auch gerne mehr über Sie erfahren. Melden Sie sich einfach.

Mit dem Absenden des Kontaktformulars erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihre Daten zur Bearbeitung Ihres Anliegens verwendet werden. Weitere Informationen und Widerrufshinweise finden Sie in der Datenschutzerklärung.