Negativzinsen und das Ende der Cash Pools?

Negative interest rates and the end of cash pooling_HEADER
Martin Bellin author pictureAutor: Martin Bellin

Vor Kurzem las ich einen Beitrag über eine Umfrage unter Treasurern zum Thema Negativzinsen und deren Auswirkungen. Einer der Punkte, der dabei angesprochen wurde, war das mögliche Ende des Cash Pooling. Ein interessanter Gedanke, bei dem ich mich fragte, wie Treasurer zu diesem Schluss gekommen waren.

Unternehmen mit überschüssiger Liquidität sehen sich aktuell mit einer bislang im Treasury gänzlich unbekannten Situation konfrontiert: Derzeit ist es ungeschickter denn je, auf ein großes Barvermögen zurückgreifen zu können – eine verwirrende Situation. Negativzinsen haben zu der absurden Lage geführt, für Cash nun Geld bezahlen zu müssen und nicht mehr Liquiditätsüberschüsse anzustreben. Jetzt werden Zahlungsziele verlängert, Lieferanten früher bezahlt, Ausgaben erhöht und Lagerbestände aufgebaut.

Arbeiten mit Cash Pools

Wir alle hatten einmal gelernt, dass Working Capital Management genau das Gegenteil bewirken soll. Grundsätzlich ist es jedoch nichts Neues, dass Liquidität auch mit Kosten verbunden sein kann. Aktionäre haben schon immer hinterfragt, warum Konzerne unbedingt große Bestände an Liquidität halten müssen, statt diese in das Kerngeschäft zu investieren. Denn solche Investitionen versprechen per se eine höhere Rendite als sie mit trivialen Geldanlagen erreichbar ist. Unternehmen, die nicht über Liquiditätsreserven verfügen, sind seit Jahren daran gewöhnt, für die Bereitstellung von Kreditlimiten Geld zahlen zu müssen. Das Halten großer Liquiditätsbestände aus Gründen der Betriebssicherheit kann guten Gewissens genauso eingestuft werden. Insofern ist eine Gebühr auf Sicherheit – sei sie direkt über die Bereitstellung von eigener Liquidität oder indirekt über die Bereitstellung durch die Bank – nun so gar nichts Neues. Es fühlt sich nur anders an, und das führt offensichtlich zu einer solchen Unsicherheit, dass nun Cash Pools prinzipiell in Frage gestellt werden. Das zeigt eigentlich nur, dass der eigentlich Sinn und Zweck von Cash Pools vielfach missverstanden wird.

Man sollte sich daher vergegenwärtigen, warum Zero-Balancing-Cash Pools überhaupt eingeführt wruden. Dabei ging es um zwei vordergründige Ziele:

  1. Den Ausgleich von Liquidität zwischen Unternehmen bzw. Konten mit positiven Salden und solchen mit negativen Salden, wodurch Zinszahlungen optimiert werden.
  2. Die Zentralisierung der Verantwortung, um konzernweit Liquidität steuern zu können, sei das Unternehmen long oder short.

Stattdessen ist Cash Pooling eine Art „Mode-Erscheinung“ geworden und wurde von Beratern und Unternehmen als ein „Must have“ dargestellt – so sehr, dass die Sinnfrage gar nicht mehr gestellt wird. Viele Unternehmen haben Cash Pools eingeführt, um die Salden der Konten der dezentralen Einheiten im Finanzstatus nicht mehr betrachten zu müssen – sie sind damit ja automatisch Null. So benötigte man keine IT mehr für die Aufbereitung und Optimierung der Kontosalden. Manche Unternehmen führten Cash Pools schlicht deshalb ein, um sich das Reporting zu sparen. Kurz gesagt, Cash Pooling wurde für Zwecke eingeführt, für die es niemals gedacht war.

Das Ringen mit den Cash Pools in Zeiten von Negativzinsen

Genau solche Unternehmen ringen nun mit ihrer Entscheidung: Das bereits vorher überflüssige Cash Pooling ist in Zeiten von Negativzinsen nicht sinnvoller geworden – im Gegenteil. Spätestens jetzt muss das zentrale Treasury die unmittelbare Verantwortung zum Management wahrnehmen, statt sich auf Guthabenzinsen auszuruhen.

Die Erwirtschaftung von Zinseinnahmen auf Guthaben waren nie der Sinn und Zweck von Cash Pooling. Hätte man ausschließlich die werthaltigen Gründe zur Rechtfertigung eines Cash Pools berücksichtigt, würden wir diese ganze Diskussion heute gar nicht führen. Liquidität bleibt Liquidität, ganz gleich ob diese auf einem zentralen Cash-Pool-Konto oder auf den Konten der Tochtergesellschaften liegt. Sich als Zentrale jetzt aus der Verantwortung stehlen zu wollen, ist ein interessantes Verhalten, was die Spannungen zwischen Tochter und Zentrale in dem einen oder anderen Unternehmen sehr deutlich erklärt und das Vorurteil bestätigt, dass die Zentrale ohnehin nur die Konten „abräumen“ wollte.

Nach wie vor gilt: Die Etablierung von Cash Pools ist aus verschiedenen Gründen immer noch ein mögliches und relevantes Mittel, wenn signifikante Soll- und Habenstände vorhanden sind und/oder Liquidität zentral verantwortlich gesteuert werden soll. In diesem Zusammenhang ist vollkommen irrelevant, ob die Zinssätze hoch, niedrig oder negativ sind. Vielleicht führt ja die aktuelle Zinslandschaft dazu, sich über das Setup der Treasury-Organisation insgesamt und die dort zu verantwortenden Kernaufgaben einmal neu Gedanken zu machen. Herauskommen sollte eine optimierte Organisation, die in der Lage ist, die Risiken aufgrund von Schwankungen an den Finanzmärkten effizient zu eliminieren oder zumindest effektiv zu kontrollieren und nicht beim leisesten Luftzug gleich in Panik zu geraten.

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