Treasury Management als wirkungsvolles Instrument in der Krise

So wappnen sich Unternehmen durch Treasury Management für den Ernstfall
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Martin Bellin author pictureAutor: Martin Bellin

Im Treasury Management ist der Blick immer nach vorne gerichtet: Was könnte passieren, und wie kann ich Einfluss darauf nehmen? Allerdings gibt es auch Situationen, die jeden Planungsrahmen sprengen. Die rasante Ausbreitung des Coronavirus ist eine davon.

Unternehmen sehen sich derzeit mit einer nie da gewesenen Situation konfrontiert, die große Fragezeichen für die Zukunft aufwirft. Wir haben uns mit Martin Bellin, CEO von BELLIN, unterhalten und wollten seine Meinung zur Lage und zur Rolle von Treasury Management in Krisenzeiten hören.

Herr Bellin, wir alle werden gerade regelrecht überrollt von der Coronavirus-Pandemie, und bei vielen Unternehmen ist die Lage dramatisch. Wie sehen Sie als CEO eines Treasury-Management-Anbieters und früherer Treasurer die Situation?

Martin Bellin: Ich stehe im engen Kontakt mit vielen unserer Kunden. In ganz vielen Fällen geht es gerade längst nicht mehr um das Morgen, sondern nur noch um das Heute. Statt sich Gedanken darüber machen zu können, was evtl. in 4 Monaten sein könnte, müssen diese Unternehmen Sorge haben, ob sie den nächsten Tag noch erleben. Bei vielen sind die Lieferketten unterbrochen, und die Nachfrage bei den Kunden ist dramatisch eingebrochen. Hier geht es sprichwörtlich ums nackte Überleben.

In diesen schwierigen Zeiten sind unsere Gedanken natürlich bei diesen Unternehmen, und wir tun, was wir können, um sie zu unterstützen.

Treasurern wird oft eine strategische Rolle zugesprochen: Es liegt in ihrer Verantwortung, ihre Unternehmen für den Ernstfall zu wappnen. Ist die derzeitige Lage genau dieser Ernstfall, und sollten Treasurer entsprechend vorbereitet sein?

Martin Bellin: Jein, wir müssen da sehr differenziert sein. Ich denke, niemand wird bestreiten, dass wir es mit einem Ernstfall zu tun haben. Daraus kann man aber nicht automatisch ableiten, dass irgendjemand vollständig auf eine solche Situation hätte vorbereitet sein oder sie gar hätte voraussehen können. Was wir aber auf jeden Fall festhalten können, ist, dass Treasury Management extrem wichtig ist. Treasury Management ermöglicht es Unternehmen, für die Zukunft zu planen und mit eingetretenen Szenarien umzugehen. Dazu zählen eben auch Katastrophen und Notsituationen, wie wir sie gerade erleben.

Zwar gibt es Szenarien, auf die kann sich niemand komplett vorbereiten. Aber die derzeitige Lage zeigt nicht nur ganz klar, was Treasurer dennoch tun können, sondern auch was sie bereits getan haben. In vielerlei Hinsicht erinnert die Situation an die Finanzkrise von 2008, als unzähligen Unternehmen weltweit ihre mangelnde Liquidität zum Verhängnis wurde. Im Anschluss an diese Krise kam Treasury und Treasurern eine ganz neue Bedeutung zu. Aus Datensammlern wurden Datenstrategen. Viele Unternehmen konnten wertvolle Schlüsse ziehen und in Technologie und Beratung investieren, um nicht noch einmal in eine solche Situation zu geraten.

Können Sie uns dazu noch ein bisschen mehr sagen? Inwieweit können Treasurer ihre Unternehmen dabei unterstützen, für die Zukunft zu planen?

Martin Bellin: Ganz einfach gesagt: Treasurer helfen ihren Unternehmen bei der Zukunftsplanung, indem sie die Gegenwart im Griff haben. Je umfassender der Überblick über die derzeitige Situation sowie historische Daten ist, desto besser können Treasurer auf das reagieren, was auf sie zukommt – egal ob erwartet oder unerwartet.

Das gilt zum Beispiel für die Liquiditätssituation, die 2008 bei so vielen Unternehmen zum Verhängnis wurde und auch jetzt durch COVID-19 wieder ins Rampenlicht rückt. Wenn ich nicht zu jedem Zeitpunkt exakt weiß, wie viel Cash ich im Moment zur Verfügung habe, wie soll ich dann die Auswirkungen zukünftiger Veränderungen einschätzen können oder gar auf sie reagieren?

Das Thema Liquidität würden wir uns gerne genauer anschauen. Welchen Einfluss haben Treasurer auf die Liquiditätssituation ihrer Unternehmen, und wie können sie hier positiv einwirken?

Martin Bellin: Letztlich steht und fällt alles mit der Transparenz. Je besser ich als Treasurer meine derzeitige Situation kenne, desto besser kann ich auf Veränderungen reagieren. Das mag banal klingen, ist aber in Zeiten von Globalisierung und internationalem Handel gar nicht so einfach.

Ein gutes Beispiel wäre ein Konzern mit Tochterunternehmen weltweit. In einem solchen Unternehmen muss ich nicht nur wissen, wie viel Liquidität mir zur Verfügung steht, sondern auch wo und wie schnell ich darauf zugreifen kann. Ich habe wenig davon, wenn ich grundsätzlich Cash habe, aber bei Bedarf nicht darauf zugreifen kann. Deshalb benötige ich einen vollständigen Überblick über meinen Finanzstatus, und zwar weltweit, für jedes Land, jede Gesellschaft, jedes Konto etc. Dazu zählen Cash-Salden ebenso wie Kreditlinien oder dazu gehörige Verträge. Dabei ist es quasi unmöglich, ohne technische Unterstützung einen solchen globalen Überblick zu bekommen.

Wenn ich meine derzeitige Situation im Griff habe, dann kann ich auch für die Zukunft planen, z.B. im Rahmen einer Liquiditätsplanung. Was sagen mir meine Daten und geplanten Transaktionen darüber, wie sich meine Cashflows in den nächsten 4 bis 6 Wochen entwickeln werden? Welche möglichen Szenarien gibt es, und wie würde ich jeweils damit umgehen? Viele Leute unterschätzen, wie sehr sich das Treasury Management in Unternehmen doch im Einzelfall unterscheidet. Dennoch profitieren alle Unternehmen ohne Ausnahme davon, sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen und Prognosen für die Zukunft anzustellen. Das kann und sollte jedes Unternehmen tun! Wie diese Erkenntnisse dann jeweils konkret umgesetzt werden, hängt vom Unternehmen ab.

Sie haben das Thema Liquiditätsrisiko angesprochen. Können Sie dazu Genaueres sagen? Welche Rolle spielt Risikomanagement generell bzw. speziell mit Blick auf schwierige Zeiten?

Martin Bellin: In Krisenzeiten müssen Treasurer schnell reagieren können. Ein ganz anderes Thema ist langfristiges und strategisches Risikomanagement. Oft ist es tatsächlich eine Krisensituation, die Unternehmen dazu bringt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Hier ist eine intensive und ganzheitliche Auseinandersetzung gefragt. Wenn Sie einen Autounfall haben, dann geht es am Unfallort zunächst einmal nur darum, Menschenleben zu retten. So geht es vielen Unternehmen im Moment. Wenn Sie aber Wochen später davor stehen, sich ein neues Auto anschaffen und wieder am Straßenverkehr teilnehmen wollen, werden Sie sicher die Unfallerfahrung mit in Ihre Überlegungen einbeziehen.

Damit möchte ich nicht sagen, dass Risikomanagement nicht wichtig ist, im Gegenteil! Es kann eine sehr große Rolle dabei spielen, ein Unternehmen für die Zukunft zu wappnen. Auch hier geht es darum, Daten zu sammeln, zu analysieren und daraus Handlungsschritte abzuleiten, um ein Unternehmen beispielsweise vor den Auswirkungen von Kursschwankungen, Währungsrisiken oder Zinsschwankungen zu bewahren.

Um das tun zu können, muss ich genau wissen, wie die Situation konzernweit aussieht. Wie entwickelt sich alles im besten Fall? Und – um zum Thema Ernstfall zurückzukehren – was passiert, wenn alles katastrophal schief läuft? Natürlich ist das kein Patentrezept für alle Eventualitäten. Dennoch kann es den Spielraum von Unternehmen enorm erweitern und dafür sorgen, dass Notfallmaßnahmen bereits in der Schublade liegen.

Sie sprachen davon, dass jedes Unternehmen anders ist. Können Sie dennoch ein paar Empfehlungen aussprechen, was Unternehmen in der derzeitigen Ausnahmesituation tun können?

Martin Bellin: Ich empfehle jedem Unternehmen, seine „Hausaufgaben“ zu machen, und zwar nicht nur grundsätzlich, sondern gerade jetzt in der Krise. Finden Sie heraus:

  1. Wie viel Liquidität steht Ihnen zur Verfügung und wo?
  2. Wie schnell und auf welchem Weg kommen Sie an diese Gelder heran?
  3. Wie sieht die Cash-Prognose in jeder einzelnen Ihrer Gesellschaften in der nächsten Woche und den darauf folgenden Wochen aus?
  4. Auf welche Kreditlinien können Sie zurückgreifen, und wie gut können Sie sich darauf verlassen, z.B. mit Blick auf Verträge und andere Faktoren?
  5. Wie hoch ist der Cash-Wert Ihrer Bestände, wenn Sie sie kurzfristig umwandeln müssten?
  6. Wie hoch ist der Liquiditätsabfluss aus kurz- und mittelfristig zurückzuführenden Aufnahmen?

Systeme unterstützen Treasurer dabei, diese Antworten auf Knopfdruck zusammenzutragen, und zwar nicht nur heute, sondern täglich. Auf dieser Grundlage kann das Management Handlungsschritte einleiten. Wenn die Gewitterwolken sich dann irgendwann verziehen, ist ein langfristiger Ansatz mit klaren Regeln und Richtlinien gefragt. Nur so können sich Unternehmen auf eine vergleichbare Situation vorbereiten.

COVID-19 stellt derzeit die Wirtschaft weltweit auf den Kopf, und diese Auswirkungen werden wir noch lange zu spüren bekommen. Die gute Nachricht: Treasury Management ist zwar kein Allheilmittel für alle Eventualitäten, unterstützt Unternehmen aber enorm dabei, sich auf den Ernstfall vorzubereiten und in der Krise handlungsfähig zu bleiben. Das macht Treasury Management und Treasury Management Systeme auf jeden Fall zu einem wichtigen Krisenwerkzeug.