About GAZPROM:
GAZPROM Germania gehört zum weltgrößten Erdgasproduzenten GAZPROM mit Hauptsitz in Moskau. Sind die Dimensionen des GAZPROM-Konzerns schon immens, so steht dem das 1990 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin in Nichts nach. Es hat sich zu einer international agierenden Unternehmensgruppe mit rund 40 Unternehmen in 20 Ländern in Europa, Asien und Nordamerika entwickelt und beschäftigt rund 1.200 Mitarbeiter, davon 200 am Hauptsitz Berlin. GAZPROM Germania organisiert als Holding die Vermarktung und den Verkauf des vor allem russischen Gases in Deutschland und Westeuropa. Die Gesellschaften in Ländern wie England, der Schweiz, Tschechien und Polen spielen dabei neben Deutschland eine exponierte Rolle. Die Holding übernimmt sowohl die Aufgaben einer Handelsgesellschaft, vor allem in England, als auch die einer echten Führungsgesellschaft für einige Länder. Auch an den jüngsten Expansionen, wie der Übernahme des Tankstellennetzes der VNG-Erdgastankstellen GmbH in Deutschland oder dem pressewirksamen Asset-Tausch mit BASF um eine 100% -Beteiligung an den europäischen Gashandels- und Speichergesellschaften WINGAS, WIEH und WIEE zu erzielen, erkennt man, dass der Konzern kontinuierlich auf Wachstumskurs ist.

Treasury Profile

ADaily Cash Management

BCash Pooling

CPayment Processing

DPayment on Behalf of

ECollection on Behalf of

FSWIFT

GeBAM

HLiquidity Planning

IContract Management for Interest, Currencies

JManagement of Commodities

KTrade Finance Contracts

LCapital Markets

MRegulatory Requirements

NGeneral Risk Management

OTreasury Accounting

PStandard / Individualized Reporting

QNetting & Reconciliation

RInsurance

SMergers & Acquisitions

TInvestor Relations

 

Wenn Dieter Linke den Blick von seinem Schreibtisch hebt und aufschaut, sieht er auf die weite Welt von GAZPROM, dem bedeutendsten russischen Energiekonzern. Die Weltkarte an der Wand ist ungewöhnlich: Sie zeigt Russland in der Mitte; die übrigen Länder und Kontinente gruppieren sich links und rechts herum. Betrachtet man aus dieser Perspektive die Welt, so fällt auf, welche Ausmaße Sibirien, oder auch Länder wie Kasachstan oder Usbekistan im Vergleich zu manch westeuropäischem Land haben, und wie flächenmäßig klein GAZPROMs Hauptabsatzmarkt in Westeuropa ist. Die Karte zeigt neben den verschiedenen Ländern und Regionen auch die Pipelines, mit denen Gas von Russland in den Westen transportiert wird. Ein beeindruckendes Netz, das durch Regionen mit vielen geopolitischen Fragen verläuft. Für Dieter Linke, Head of Treasury bei GAZPROM Germania, sind es weit mehr als nur Pipelines – seine Treasury-Aufgaben sind ganz eng damit verbunden.

Ein Netzwerk von Netzwerken

Als Holding der verschiedenen Gesellschaften übernimmt GAZPROM Germania die Verantwortung für Akquisitionen, Finanzierungen, die zentrale Abwicklung des Zahlungs-verkehrs und andere typische Overlay-Strukturen: 2015 ist mit einem sehr prominenten und medienwirksamen Asset-Swap WINGAS von BASF an GAZPROM Germania im Tausch gegen Gasförderrechte in Russland übergegangen. Eine Akquisition, die den Umsatz für das Jahr 2016 auf EUR 30 Mrd. katapultieren wird, und kein Deal, den man nebenher abwickelt und arrangiert – schon gar nicht unter Berücksichtigung der politischen Dimension, die das Unternehmen immer begleitet. Nicht nur einmal hatte Linke zwischen Vertragsschluss im August 2015 und dem Closing zum 1. Oktober überlegt, wie er die Integration bewältigen soll.

"Wir mussten die gesamte WINGAS-Gruppe integrieren, alle Einheiten der Gruppe, alle Prozesse, alle Aktivitäten, die vorher BASF übernommen hatte. Es war eine ganz schöne Arbeit, viele Dinge, die es doppelt gab und die man verschlanken musste. Und gleichzeitig der Zeitdruck, da ja letztlich alles zum Stichtag hin funktionieren musste."

Die Herausforderungen waren vielfältig: In nur sechs Wochen musste die Ein-bindung in das Cash Management und in die verschiedenen Cash Pools für ein Umsatzvolumen von EUR 15 Mrd. durchgeführt werden. Gleichzeitig galt es, den bisherigen Zahlungsverkehr in das einheitliche Zahlungsverkehrssystem von GAZPROM Germania zu integrieren und dabei im Treasury etwa 150 Verträge mit Banken neu aufzusetzen.

GAZPROM Germania unterhält selbst keinen eigenen Gas- und Energiehandel, so dass die Verantwortung für die Devisensicherung der Geschäfte und die damit verbundene Risikosteuerung nicht im zentralen Treasury, sondern bei der Handelsgesellschaft in UK liegt. Mit der Etablierung von 360T als gemeinsame Devisenhandelsplattform ist sichergestellt, dass die entsprechenden Daten auch in das zentrale Treasury System von GAZPROM Germania fließen.

Komplexität & große Zahlen – der „Alltag“ bei GAZPROM Germania

Nachdem die Fusion abgeschlossen und alle Aktivitäten integriert waren, sollte nun eigentlich wieder Normalität ins Treasury von GAZPROM Germania eingekehrt sein, allerdings steht keinesfalls Routine-Geschäft auf der Tagesordnung. An der Organisation der Geschäfte in der Schweiz wird beispielsweise deutlich, mit welchen Themen GAZPROM Germania täglich umgehen muss: Die Gesellschaft in der Schweiz nutzt ihre Systeme auf Servern in Sankt Petersburg, konzentriert sich auf den Verkauf von Gas aus Aserbaidschan und Usbekistan. Der anfallende Zahlungs-verkehr wird durch das zentrale Treasury, also Dieter Linke und sein Team, in der Holding in Berlin abgewickelt. Diese komplexe Konstellation funktioniert sehr gut, da alle Konten als non-resident Konten in Deutschland geführt werden und auf diese Weise im einheitlichen Zahlungsverkehrssystem von GAZPROM Germania eingebunden sind. Die Hauptzahlungen der Schweizer Gesellschaft erfolgen in den Währungen EUR, GBP und USD; CHF spielt erstaunlicherweise vom Volumen her so gut wie keine Rolle. Der Cash Pool in den Hauptwährungen ist bei GAZPROM Germania auf zwei Banken in Deutschland konzentriert, in die auch die Schweizer Gesellschaft vollständig integriert ist. Wie die Gesellschaft in der Schweiz, so sind auch andere Teilunternehmen des Konzerns ähnlich – über Integration im Zahlungsverkehr und durch den gemeinsamen Cash Pool – in die zentrale Organisation eingebunden.

Gute Organisation ist alles – und das möglichst mit Hilfe eines Systems. Als Dieter Linke vor über acht Jahren die Verantwortung für das Treasury bei GAZPROM Germania übernahm, war zwar ein Projekt zur Implementierung eines Treasury Systems angestoßen worden, aber erst wenig fortgeschritten. Der Finanzstatus sowohl innerhalb der Treasury-Abteilung als auch für die kaufmännische Geschäftsleitung wurde nach wie vor in Excel erstellt. Verwundert darüber, dass ein solcher Überblick nicht aus einem System generiert wurde, nahm sich Linke vor, die Umstellung als erstes voranzutreiben, wollte er doch für die Gruppe schnelle Sichtbarkeit der Gesamtliquidität.

"Als ich bei GAZPROM Germania anfing, hatten wir einen regelrechten Dokumenten-Dschungel: Es gab viele Excel-Sheets und andere Dokumente, die zwar alle die nötigen Informationen beinhaltet haben, die ich dann aber manuell zusammensuchen und einsammeln musste. Genau das war der Grund, warum ich damals die Prozesse unbedingt in ein System überführen wollte, ein TMS, das hilft, diesen großen Berg an Informationen sichtbar und einfach darstellbar zu machen, so dass sie dann auch passend interpretiert werden können."

Nicht lange dauerte es, und er konnte einen ersten und entscheidenden Erfolg erzielen: ein Finanzstatus, der alle Informationen umfasst, jederzeit aktuelle Zahlen enthält und einen Horizont von mehreren Monaten aufzeigt. Dieser ist inzwischen die Grundlage für die Entscheidungsfindung und das Management des Unternehmens geworden und nicht mehr wegzudenken.

Geduldsprobe: Sichtbarkeit im russischen Konzerngeflecht

Als übergreifendes Ziel hat sich Linke die Optimierung von Prozessen auf die Agenda gesetzt, um gruppenweit effizienter zu werden. Wie vielleicht in vielen Konzernen, ganz besonders jedoch mit einer russisch geprägten Unternehmenskultur, ist es keineswegs selbstverständlich, dass sich Tochter-gesellschaften von der Holding gerne „in die Karten schauen“ lassen und ihre Daten auf einer gemeinsamen Plattform preisgeben. So musste das Treasury viel Geduld und Überzeugungsarbeit aufbringen, damit die relevanten Daten mit der Holding in Echtzeit geteilt werden, auch wenn die Aufgaben dezentral von den lokalen Einheiten verantwortet und abgewickelt werden.

"Um die Ziele Transparenz und Schnelligkeit kostengünstig zu ermöglichen, sind drei wesentliche Disziplinen erforderlich: Geduld, Zeit und Know-how. Geduld und Zeit versteht sich von selbst – etwa um Änderungsprozesse voranzutreiben, muss man langfristig denken. Know-how braucht man aber auch: Zahlen sind erst einmal nur Zahlen – sie erwachen erst dann zum Leben, wenn man sie zu lesen und zu interpretieren weiß und kulturelle Unterschiede dabei berücksichtigen kann. So kann man dann Transparenz für Management und Partner schaffen."

Transparenz in der Bankenlandschaft

Das Ziel, gruppenweit möglichst effizient zu arbeiten, beschränkt sich bei GAZPROM Germania nicht nur auf die Kollaboration mit den Gruppengesellschaften. Auch die Bankenbeziehungen sollen möglichst transparent gestaltet sein: Mit zwei deutschen Kernbanken, bei denen auch die übergreifenden Cash Pools angelegt sind, und weiteren 80-90 Banken in der Gruppe sieht sich das Treasury der Holding zurzeit konfrontiert. Die Zahl der Banken könnte zwar aus Sicht von Dieter Linke durchaus noch optimiert werden, doch in dieser Hinsicht möchte das Treasury die Freiheiten der einzelnen Gesellschaften nicht beschneiden: So setzt Linke auch hier auf eine freiwillige Selbstkontrolle der Gesellschaften und appelliert immer wieder, dass diese Freiräume zum Wohle des Unternehmens genutzt werden. Denn die Pflege der Beziehungen zu vielfältigen Instituten ist zum einen durch die reine Anzahl, zum anderen aber auch durch den politischen Hintergrund des Konzerns aufwändig. Regulatorische Anforderungen, denen sich die Banken gegenüber sehen, wie KYC (Know Your Customer), ebenso wie die Prüfung von Sanktionen im Außenwirtschafts- und Zahlungsverkehr, spielen hier eine wichtige Rolle. Obwohl GAZPROM Germania auf keiner dieser Sanktionslisten steht, passiert es doch zuweilen, dass Zahlungen verschiedene Schleifen drehen, bis sie letztendlich erst beim Empfänger oder bei GAZPROM Germania ankommen.

Der Tag der Abrechnung: Vorbereitung ist bares Geld!

Linke sieht sich selbst im Geflecht von GAZPROM Germania als „Schatzmeister“, als „Hüter des Geldes“. Neben der für GAZPROM Germania sehr wichtigen Verwaltung einer Vielzahl von Garantien achtet er genau auf das ausgehende und hereinkommende Volumen an Cash und natürlich auch ganz besonders darauf, was täglich in der Zentrale verbleibt. Auch hier gibt es viele Besonderheiten, die dem Gashandel geschuldet sind und die ein Cash Management und den Zahlungsverkehr komplex werden lassen. Eine ist beispielsweise, dass im Gashandel jeweils der 20. eines Monats Zahltag ist. An diesem Tag werden die Bezüge an Energie abgerechnet und die entsprechenden Konten der Beteiligten ausgeglichen.

"Wir haben einen ganz besonderen Geschäftstag im Monat – meist der 20. – unseren „Zahltag“. An diesem Tag werden alle eingehenden und ausgehenden Zahlungen im Gasgeschäft getätigt, in allen Währungen – seien es EUR, GBP oder USD. Wir im Treasury müssen sicherstellen, dass wir ausreichend Liquidität in den verschiedenen Währungen verfügbar haben, dass alle Zahlungen auch wirklich durchgehen und alles ankommt. Und wir sprechen hier von Beträgen von einigen 100 Millionen pro Zahltag."

Bei Umsätzen von EUR 30 Mrd. im Jahr alleine von GAZPROM Germania entfallen rechnerisch mehr als 2 Mrd. auf jeden einzelnen Zahltag. Alle an-fallenden Zahlungen müssen recht-zeitig im System eingestellt und gründlich geprüft werden, so dass am nächsten Tag die Bank die Ausführung sicherstellen kann. Voraussetzung für die Zahlungsausführung ist daher, dass ausreichend Intraday-Limite zur Verfügung stehen. Denn die korrespondierenden Eingänge auf den laufenden Konten werden erst Stunden später sichtbar. Auch wenn kein Spieler im Gashandel es sich erlauben würde, verspätet zu zahlen, so sind die „Zahltage“ doch besonders sensible Tage im Leben des Treasurers. Angesichts der Dimensionen prüft Linke jede einzelne Zahlung nicht nur doppelt, sondern eher dreifach, bevor sie dann unterschrieben und endgültig an die Bank versendet wird.

Mit seinem Erfahrungsschatz, den er als Treasurer in Ost und West in den letzten 30 Jahren sammeln konnte, ist Dieter Linke nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Schon vor dem Mauerfall hat er die kommerzielle Seite der Welt im Devisen- und Rohstoffhandel kennenlernen können. Als er in den 90er Jahren noch vor seiner Zeit bei GAZPROM Germania für den Versand von Schecks im Rahmen des Zahlungsverkehrs verantwortlich war, gehörte es fast zur Tagesordnung, dass er in der amerikanischen Botschaft immer wieder eidesstattliche Erklärungen abgeben musste, da wieder einmal ein Scheck mit gefälschter Unterschrift zu Unrecht belastet wurde. Gerade vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen achtet er darauf, dass der volumenstarke Zahlungsverkehr gründlich und mit großer Sorgfalt abgewickelt wird und die Daten immer stimmen. Die Geduld und das Know-how hat er ganz sicher. Wenn es überhaupt einen Engpass gibt, dann heißt dieser manchmal fehlende Zeit.

 

Als Treasurer ist man ein Allround-Manager. Es gibt so viele Schnittstellen, intern zum Beispiel zu den Abteilungen, zu den Tochtergesellschaften und extern zu Banken und Partnern. Man muss alle auf eine Linie bringen und sicherstellen, dass die Zusammenarbeit auch funktioniert – oft gerade auch angesichts der verschiedenen kulturellen Hintergründe eine sehr spannende Herausforderung!

Dieter Linke | Head of Treasury, GAZPROM Germania