19
Jul 2016

Was Thomas Jeffersons Abneigung gegen Zentralisierung mit Schecks zu tun hat: Die Regulierung des US-amerikanischen Finanzsektors Teil 2

0

Thomas Jeffersons strikte Ablehnung von Zentralisierung ist dafür verantwortlich, dass in den USA bis heute mit Schecks bezahlt wird. Zugegeben, diese Aussage ist ein bisschen übertrieben – aber es ist mehr dran, als man vielleicht zunächst glauben würde.

Vor einigen Wochen warfen wir an dieser Stelle einen ersten Blick auf die Regulierung des US-amerikanischen Finanzsektors und die Geschichte des Bankwesens. Heute wollen wir uns etwas genauer mit den sog. Antiföderalisten um Thomas Jefferson beschäftigen, unter deren Einfluss in den USA ein zweigleisiges Bankensystem entstand, und die paradoxerweise indirekt mit dazu beigetragen haben, dass Schecks in den USA bis heute eine große Rolle spielen.

Beim Thema Online-Zahlungsverkehr hinken US-amerikanische Unternehmen ihren europäischen und asiatischen Pendants um Jahre hinterher. Im Jahr 2012 schrieben US-Unternehmen viermal so viele Schecks wie ihre Kollegen in Europa – das sind 21 Milliarden Schecks. Einen Scheck auszustellen, ist ungefähr fünfmal so teuer wie eine Zahlung per Online-Banking. Warum also werden Schecks in den USA nach wie vor im großen Stil verwendet? Die Antwort auf diese Frage beginnt bei Thomas Jefferson und seiner starken Abneigung gegenüber einem zentralisierten Bankensystem.

In unserem letzten Beitrag zur Regulierung des US-Finanzsektors kamen wir bereits auf Thomas Jefferson zu sprechen: Er war einer der Gründerväter der USA, der Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung und der dritte Präsident der Vereinigten Staaten – und er begegnete Banken und Kreditanstalten mit tiefem Misstrauen. In seinen Augen sorgten beide nur für langfristige Verschuldung, welche die  Bevölkerung „versklaven“ würde. Er fürchtete vermehrte Spekulation an den Finanzmärkten, was wiederum zu Instabilität führen würde. Jefferson war auch der Meinung, dass Banken und Kreditanstalten versuchten, Monopolstellungen zu wahren. Sein vielleicht wichtigster Kritikpunkt war jedoch, dass eine Zentralisierung der Banken die demokratische Souveränität gefährden würde.

Jeffersons Misstrauen war so groß, dass er sich 1799 im Streit um die First Bank mit Washington überwarf und die erste Oppositionspartei gründete: die Demokratisch-Republikanische Partei. Es heißt, Washington habe nie wieder ein Wort mit ihm gewechselt.

Misstrauen gegenüber einem zentralisierten Bankensystem macht die USA zu einem „Land der kleinen Banken“

Tatsächlich war es nicht nur Thomas Jefferson, der einer Zentralisierung des Bankensystems kritisch gegenüberstand. Viele US-Amerikaner lehnten eine solche Entwicklung ab. In ihren Augen fehlte der Regierung die Befugnis zur Zentralisierung von Banken – sie sahen hierin eine Verletzung des 10. Zusatzartikels zur Verfassung, des 10th Amendments. Eine der Konsequenzen aus diesem Misstrauen war, dass in den USA erst im späten 18. Jahrhundert eine national einheitliche Währung eingeführt wurde.

In den Jahren davor entwickelten die Vereinigten Staaten sich zu einem Land, in dem die Aufnahme von Krediten sehr verbreitet war. Einheimische und internationale Waren wurden per Kredit bezahlt, und Schuldscheine wurden zum Handelsstandard. Man schätzte in den noch jungen Vereinigten Staaten die Möglichkeit, Zahlungen aufzuschieben und zu einem geeigneteren Zeitpunkt zu begleichen.

Die Währungsfrage stellte jedoch ein Problem dar, vor allem in der Zeit vor der Amerikanischen Revolution. Während der Kolonialzeit hatten viele der Kolonien ihre eigenen Währungen eingeführt. Diese

waren geprägt von Volatilität und Wechselschwierigkeiten. Der Kontinentalkongress (Continental Congress) von 1775 bis 1791, bestehend aus den Delegierten der 13 Kolonien, stellte eigenes Papiergeld her, in der Hoffnung, so die Amerikanische Revolution finanzieren zu können. Das Geld wurde umgangssprachlich auch „Continentals“ genannt.

Die First National Bank (und kurz nach deren Schließung die Second Bank) erhielt nach ihrer Gründung ein Monopol für die Geldherstellung. „Continentals“ waren leicht zu fälschen und in so großen Mengen ausgegeben worden, dass der Satz „not worth a continental“ (keinen „Continental“ wert) angesichts der enormen Inflation zum geflügelten Wort wurde. Alexander Hamilton erklärte die „Continentals“ schließlich zur nationalen Schande.

Explosion der Schecks und der Banken

Als die Second Bank im Jahr 1841 geschlossen wurde, klaffte ein großes Loch in der Bankeninfrastruktur. Neue Banken wurden benötigt, um die durch den Wegfall der nationalen Banken geschaffene Lücke zu füllen. Es gab große Vermögenswerte, und die Chance auf Kapitalgewinne war hoch.

Da es keine zentrale Bankenkontrolle gab, erließen manche Staaten Gesetze zur Schaffung einzelner Staatsbanken. In anderen Bundesstaaten blieb eine solche Entwicklung hingegen aus. In New York sorgte ein „Laissez-faire“-Ansatz, das sog. „Free Banking“, für Aufsehen und war so erfolgreich, dass auch andere Staaten dieses Modell imitierten und die sog. Free Banking-Ära begründeten.

Diese Epoche dauerte von 1836 bis 1865, und in dieser Zeit gab es fast keine Einschränkung bei der Gründung von Banken. Jeder Bank war es gestattet, ihre eigene Währung auszugeben, und die freie Marktwirtschaft sollte die Gesamtversorgung und die Menge an Geldscheinen regulieren. Dieses Geld hatte im entsprechenden Staat seinen Wert, teilweise auch noch in Staaten, mit denen man zusammenarbeitete, aber außerhalb dieser Gebiete war es fast wertlos.

Im Jahr 1860 gab es in den USA bereits fast 1.400 staatlich zugelassene Banken und über 30.000 verschiedene Arten von Geldscheinen. Das sorgte für Verwirrung und Probleme mit Fälschungen. Diese Entwicklung wiederum sorgte für einen schlagartigen Ansprung der Verwendung von Schecks. 1853 wurde das New York Clearing House gegründet, um den dortigen Banken eine offizielle Anlaufstelle zum Wechseln von Schecks zu bieten.

Die Free-Banking-Ära hatte jedoch ihren Preis. Angesichts rücksichtslosen Verhaltens und fehlender Auffangsysteme für Banken sahen sich diese zwischen Auf- und Abschwung gefangen. In Minnesota beispielsweise mussten zwischen 1852 und 1854 80% aller Finanzinstitutionen ihre Tore dicht machen.

Die Entstehung eines dualen Bankensystems

Als Reaktion auf diese Bedingungen führte die Bundesregierung der Vereinigten Staaten schließlich die National Bank Acts von 1863-1866 ein. Diese sahen auch die Einführung einer nationalen Währung, gestützt durch Staatsanleihen, vor. Die Bundesregierung erhielt dadurch die Befugnis, Kriegsanleihen und Anleihen zu verkaufen und Banken zu besteuern. Vermutlich ebenso bedeutsam ist die Tatsache, dass im Zuge dieser Gesetzgebung nationale Banken gegründet wurden und damit in den Vereinigten Staaten ein zweigleisiges Bankensystem entstand.

In einem solchen zweigleisigen System gibt es eine Parallelstruktur aus nationalen Banken und Staatsbanken der einzelnen Bundesstaaten. Für die nationalen Banken galten strengere Auflagen und Kapitalanforderungen. Allerdings mussten sie nicht die gleichen Steuern zahlen wie Staatsbanken, darunter auch eine zehnprozentige Steuer auf Geldscheine.

Die Nationalbanken und die landesweite Währung blühten auf, während die Währungen der Staatsbanken schnell aus dem Umlauf genommen wurden. Viele Staatsbanken änderten ihren Rechtsstatus zu Nationalbanken – oder gingen unter.

Die Möglichkeiten, Bargeld gewinnbringend einzusetzen, waren begrenzt, und so besannen sich die Staatsbanken auf eine alte Form des Geldtransfers: den Scheck. In den 1870er und 1880er Jahren gab es einen regelrechten „Scheck-Boom“, mit dem auch ein Aufschwung und das Wiedererstarken der Staatsbanken einhergingen.

Bis zum Jahr 1913 war die Anzahl an nationalen Banken auf über 7.000 gestiegen, die der Staatsbanken jedoch auf mehr als 15.000.

Heutige Auswirkungen

Im dualen Bankensystem der Vereinigten Staaten gibt es heute ca. 8.000 Banken und ebenso viele Kreditgenossenschaften. Das sind fast so viele Banken wie in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten zusammen.

Diese Zahlen machen deutlich, wie schwierig eine Änderung des US-amerikanischen Bankensystems ist. Die schiere Anzahl an Banken macht ein solches Vorhaben zu einem gigantischen Projekt – als habe man vor, jede Bank in jedem europäischen Land zu modifizieren. Wenn man dann noch die Kontrollen auf Bundesstaaten-Ebene sowie die Gewaltentrennung zwischen nationaler Bundesregierung und Staatsregierung berücksichtigt, erscheint die Aufgabe nicht zu bewältigen zu sein. Das erklärt auch, warum der Scheck nach wie vor einer der Eckpfeiler der Unternehmensfinanzierung in den USA ist: Vom Schuldschein der ersten Händler hat er der Nation den Weg durch schier unüberschaubare 30.000 Arten von Geldscheinen gewiesen, Wohlstand und das Überleben der Staatsbanken gesichert.

Neuen Kommentar hinzufügen

Plain text

  • No HTML tags allowed.
  • Web page addresses and e-mail addresses turn into links automatically.
  • Lines and paragraphs break automatically.
CAPTCHA

This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.